Geschichte: Ayoki

Achtung: Wenn du zurzeit noch wegen Transsexualität in Behandlung bist (und mögl. noch keine Hormontherapie hast) könnte dich diese Geschichte triggern.

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Und die Uhr schlug 10.

Kiras Wecker fing an zu klingeln. Sein penetranter Klingelton bohrte sich wie eine Nadel in ihr Trommelfell und ließ ihre Motivation zum Entdecken eines neuen Tages im Keim ersticken. Unbeholfen patschte sie, noch halb blind, auf ihrem Nachttisch herum bis sie das Handy traf und den Wecker verstummen ließ. Stöhnend drehte sie sich auf den Rücken und rieb sich den Schlaf aus dem Gesicht. „Noch viel zu früh…“ grummelte sie, schnappte sich ihr Handy und las die neuesten Nachrichten. „In der Nähe von Gelsenkirchen kam es heute zu einem schweren Zugunglück, bei dem 34 Menschen getötet…“ Kira warf ihr Handy ans Fußende ihres Bettes. Sie konnte Nachrichten dieser Art nicht mehr hören, jeden Tag dasselbe Spiel. Irgendwo auf der Welt gab es einen Unfall, die Nachrichten berichten darüber und nach zwei Wochen ist es kein Thema mehr. „Mit 16 macht man sich um so etwas doch keine Gedanken“ sagte sie zu sich und setzte sich auf. Sie wollte nicht zu spät zu ihrem Treffen kommen.

„Bei dem Unfall rammte ein Güterzug einen Schwerlasttransporter. Aus noch unbekannten Gründen haben sich die Schranken des Bahnübergangs bei Annäherung des Zuges nicht geschlossen. Dadurch kam es zu einer Entgleisung des Zuges, dessen Wagons auf die Straße kippten und mehrere Fahrzeuge mitriss. Mindestens 34 Menschen kamen dabei ums Leben, viele werden noch vermisst.“

Ayoki las regungslos die Nachrichten.

„Nun zu weiteren Nachrichten: Starregisseur und Buchautor….“

Sie legte ihr Pad beiseite und aß weiter. Erst eine tragische Nachricht und im Anschluss Nachrichten über sogenannte „wichtige Personen“. Die Welt erschien ihr krank. Gewundert hat sie sich darüber jedoch nie. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass Menschen nicht über den Tod sprechen möchten und dies normalerweise mit allen Mitteln zu verhindern versuchen.

In dem Moment spürte sie ein Gefühl auf ihrem rechten Arm. Vollkommen in Gedanken versunken hatte sie nicht bemerkt wie der Honig auf ihrem Brot langsam auf ihren Arm getropft war. Sich selbst verfluchend nahm sie ein Tuch um den Honig wegzuwischen, das Brennen und drückende Gefühl versuchend zu unterdrücken. Ayoki blieb stehen und versuchte sich zu beruhigen, doch nun, wo das Körpergefühl ersteinmal wieder ins Bewusstsein zurückgekehrt war, lies es sich nicht mehr unterdrücken. Ihr ganzer Körper brannte, das unbändige Bedürfnis sich die Haut mit all ihren Haaren vom Leib zu reißen um das Gefühl des Drecks darunter zu beseitigen wurde immer größer. Ihre schnelle Atmung nahezu erdrückend nahm das Stechen in ihrem Brustkorb zu. Der Wunsch, endlich nichts mehr zu fühlen überschwemmte sie. Diesen Körper nicht mehr zu fühlen…

„Was tust du da?“ Ihr Vater kam in die Küche.

„Nichts.“ entgegnete sie. Sich selbst zu hören lies sie schwummerig vor Augen werden, sie zwang sich jedoch nichts davon zu zeigen und ging zurück zum Esstisch.

„Simon…“

Ayokis Magen verkrampfte sich.

„…du triffst dich heute doch mit dieser einen. Wie hieß sie noch gleich?“

„Kira.“ entgegnete sie und versuchte sich ganz auf ihr Brot zu konzentrieren. Sie wusste wie dieses Gespräch verlaufen würde, versuchte jedoch weiter ihre Vermutung zu verdrängen und mehr über den Aufbau ihres Vollkorntoasts herauszufinden. Die Welt konnte doch unmöglich so finster sein wie sie es sich immer ausmalte.

„Na dann, viel Erfolg. Bei der kannst du nicht viel falsch machen, aber denk dran, der Mann muss immer die Initiative ergreifen.“

„Papa…“

„Wenn du sie dann hast wirst du auch endlich wissen wo dein Platz ist, Frauen sind nunmal ganz anders als wir Männer.“

Ayoki tat alles um sich nicht übergeben zu müssen. Vor ihr verschwamm der Esstisch zu einer einzigen wabernden Fläche, ihr Bauch fühlte sich an als würde er jeden Moment explodieren.

„Papa, wir sind nur Freundinnen, nichts weiter.“

Im Raum kehrte eine angespannte Ruhe ein. Ayoki versuchte vorsichtig weiterzuessen, doch ihr blieb das Essen im Hals stecken. Quasi jede Faser ihres Körpers spürte wie sich die Stimmung wandelte, wäre dort nicht das unentwegt brennende Bedürfnis ihren Körper zu verletzen, auf dass all der Schmerz aus ihr herausfließen könnte.

„Nächsten Dienstag wirst du mir übrigens draußen helfen, der Garten muss gemacht werden. Und zwischen den Steinen ist schon wieder überall Unkraut, das machst du weg.“

Sie erstarrte. Am Dienstag war ihr nächster Therapeutentermin. Das war nicht möglich, das durfte nicht sein. Sie versuchte ihre zitternde Stimme zu erheben, quetschte jedoch kaum Laute heraus. „P-…Papa, das geht nicht. Dort habe ich doch meinen Termin. Der ist wi-“

„Ach, quatsch. Ein bisschen körperliche Arbeit tut einem Jungen wie dir besser als herumzusitzen und mit einem Fremden zu reden. Diese Seelenklempner nehmen dich nur auseinander.“

Ayoki saß wie in Stein gemeißelt da. Alle ihre Gefühle waren wie weggeblasen, sie fühlte sich als wäre gerade ein Teil von ihr gestorben. Erneut. „A-..a-aber…“

„Kein aber! Das ist sowieso Blödsinn das du da hingehst, Simon. Sieh dich doch an! Du bist groß, muskulös, hast Bartwuchs, schöne große Schultern und eine männliche Stimme. Ich sah wie du aus deiner Mutter kamst, mit Penis und allem was dazugehört. Du wirst nie eine Frau sein können, also schlage dir diese blöde Idee aus dem Kopf und komme wieder auf den Boden der Realität.“

Kira schlenderte durch die Straßen ihrer kleinen Heimatstadt und beobachtete die Menschen in und vor all‘ den Läden. Sie mochte es zu beobachten, wie die Menschen um sie herum ihrem Leben nachgingen, taten was sie mochten, faulenzten oder unterwegs waren um etwas zu tun. Sie blieb kurz stehen, atmete tief durch und ließ die Lebendigkeit der Straße, auf der sie war, auf sich wirken. Sie spürte die Blicke der Menschen mit all ihren unterschiedlichen Gefühlen, die warme Sonne auf ihrer Haut und den Wind um ihre Ohren. „Welch schöner Tag“ sagte sie sich und peilte das Shoppingcenter an, in das sie immer ging.

„Sie ist etwa 1,80 und recht schlank, mmh… diese da! Die wird Ayoki bestimmt mögen.“

Sie hielt erneut kurz inne und dachte an ihre Freundin. Ayoki wirkte jeden Tag sehr betrübt, sie hatte es auch nicht gerade leicht. „Fuck it, Geburtsfehler“ dachte sie sich und warf die Klamotten in die Einkaufstüte, welche die Kassiererin ihr anbot.

Das wird sie bestimmt aufheitern.

Ayoki ging langsam die Straße hinab, doch davon bekam sie nicht mehr viel mit. Sie sah ohne zu sehen, hörte ohne zu hören, fühlte ohne zu fühlen. In ihrem Kopf hatte sich wieder diese unendliche Leere ausgebreitet, erfüllt von Einsamkeit und Schmerz.

Sie spürte einen Stoß, taumelte. „Hey du Idiot, pass doch mal auf!“ Idiot? Ja, das passte. Sie war ein Idiot. Ein Idiot ohne Verstand, ohne Ziel oder Vergangenheit. Wer brauchte sie schon. Sie selbst wenigstens brauchte sich nicht. Aber wenn niemand sie brauchte, wieso war sie dann überhaupt da.

Ja, der Gedanke nicht mehr zu sein war sehr beruhigend. Sie empfand dabei eine innere Ruhe, die sie so noch nie hatte. Es würde dann nichts mehr eine Rolle spielen. Sie wäre der Hölle endlich entwischt. Der Hölle ihres eigenen Seins.

Aber war es denn überhaupt eine Hölle? Die anderen sagten nein. Die anderen sagten, sie wäre bloß naiv und dumm und würde sich selbst Probleme machen. So war es vermutlich auch. Sie wertloses Ding war zu dumm um Leben zu können und machte es sich selbst zur Hölle. Zumindestens konnte sie es auch selbst beenden.

„Irgendetwas stimmt nicht.“ Kira zückte ihr Handy, als sie sich auf dem Weg zum vereinbarten Treffpunkt befand. Schnell tippte sie eine SMS an ihre Freundin:

‚Ayo, alles okay? War doch 12 Uhr in der Shoppingmeile am Bf, oder?‘

Beunruhigt tippelte mit den Fingernägeln auf ihrem Smartphone herum. Während sie in die Bahnhofsstraße abbog fragte sie sich, ob Ayoki vielleicht etwas Blödes anstellen würde. „Ach, quatsch. Das kann gar nicht sein.“

In dem Moment sah sie ihre Freundin auf den Gleisen.

„A-Ayoki….“

Kira rannte auf ihre Freundin zu, dann stoppte sie. Was geht hier vor, was soll das werden? Sie versteht nicht was sie da sieht, nichts scheint mehr zusammenzupassen. Wieso steht sie da, was möchte sie?

Ayoki stand vollkommen ruhig dar. Sie stellte sich vor wie es sein wird, danach. Ein Schlag, und alles ist vorbei. Sie fühlte sich bei dem Gedanken entspannt, die innere Ruhe ist überwältigend. Endlich keine Schmerzen mehr, kein Kummer, kein Leid. Jene die sie kennen werden es überstehen, für sie wird das Leben weitergehen, wenn sie es möchten. Wird jemand sagen das sie ein egoistischer Feigling war? Mit Sicherheit, doch das war ihr jetzt nicht mehr wichtig. Wieso sollte es auch wichtig sein, auf Menschen zu hören die über Dinge reden die sie nicht verstehen, vielleicht garnicht verstehen möchten.

Im Augenwinkel bewegte sich etwas vertrautes. Sie blickte auf – Kira war nicht weit von ihr entfernt, sie rannte auf sie zu.

„Ayoki, lass das! Bitte komm wieder nach oben!“ Sie schüttelte den Kopf. In der Entfernung hörte man die Zugduchfahrtswarnung, die Schranken schlossen sich. „Ayoki!“

Kira wusste nicht mehr was sie sagen sollte und starrte fassungslos auf ihre Freundin. Sie schien so ruhig zu sein. Verdammt, wenn sie nicht von den Gleisen geht stirbt sie, wie kann sie da so ruhig sein!

Je mehr sie darüber nachdachte und Ayoki ansah, wie sie dort in vollkommener Ruhe im Gleisbett stand während die Menschen um sie herum schrien und ausfallend würden, desto mehr verstand sie – und wollte sie überhaupt nicht verstehen. Es kann doch nicht sein, ein Mensch kann nicht einfach so verschwinden, das kann doch niemand wollen. Und doch stand Ayoki dort und wartete auf den Zug, während die Gleise anfingen zu zittern.

Sie blickte Kira an und hoffte, das zumindestens sie sie ein letztes mal verstand. Als einzige in dieser dunklen Welt.

Ayoki blickte sie an, mit einem Gesicht was sie an Glück, Freude, aber auch an Kummer erinnerte. Sie wünschte sich so sehr zu verstehen was ihre Freundin im Moment fühlt, und gleichzeitig will sie sie von den Gleisen zerren. Doch sie hatte zuviel Angst selbst auf die Gleise zu gehen.

Sie sollte dieses Bild niemals vergessen.

Und die Uhr schlug 12.

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6 comments

  • Deathmettal on 11. August 2013 at 15:47 said:

    Sehr gut gemacht 😀 Die Situation und die Handlung war sehr gut nachzuvollziehen, außerdem war es sehr detailiert geschrieben wodurch man sich richtig in die Geschichte reinversetzen konnte. Toll:D

  • GoldenerReispuffer on 11. August 2013 at 11:38 said:

    Eine Geschichte, wo man den Sinn auch versteht ohne umbedingt Transexuell sein zu müssen.

    Titel wäre noch ideal (Falls keiner ist, ich sehe keins).

    Und… bei mir ist das so mit meiner Mutter u__û Ach…

  • Cirno on 9. August 2013 at 22:15 said:

    Ufff… Scheiße… Das hat mal so richtig reingehauen… Tolle Geschichte (so toll eine derartige Geschichte sein kann, in Anbetracht des Themas…) Der Vater hat mir (persönlich) den Rest gegeben beim lesen… Ich weiß nicht was ich sagen soll…

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