Trisomie21 & Was ich über Behinderung denke

Nachdem auf Twitter um und mit mir immer wieder die Diskussion über behinderte Kinder und den individuellen sowie Gesellschaftlichen Umgang damit entbrannt ist möchte ich mit diesem Blogpost klare Stellung beziehen. Ich gehe dabei speziell auf Trisomie 21 (auch „Down-Syndrom“ genannt) ein, da zum einen meine Cousine davon betroffen ist, und zum anderen weil es in den Medien in letzter Zeit durch den Fall Gammy gehäuft thematisiert wurde.

Um das im Vorfeld klarzustellen: Ich habe nichts gegen Menschen mit Behinderung. Wieso auch – abgesehen von ihren individuellen Einschränkungen sind sie Menschen wie alle anderen auch. Man sollte aber dennoch offen fragen dürfen: Ist es wirklich ‚gut‘, so wie es ist, und wie definieren wir, was ‚gut‘ ist? Das ist der Punkt, für den ich in letzter Zeit gehäuft kritisiert wurde.

8 Jähriger Junge mit Down-Syndrom (Quelle: wikipedia)

8 Jähriger Junge mit Down-Syndrom (Quelle: wikipedia)

Nun ersteinmal zur Geschichte mit der alles anfing: Die meisten von euch haben sich vom Fall Gammy gelesen. Es geht um das Kind einer Leihmutter von den Philippinen, die auf vertraglicher Basis ein Kind für ein australisches Pärchen austragen sollte. Es wurden unbeabsichtigterweise Zwillinge. Eines von ihnen, Gammy, trägt den Gendefekt namens „Trisomie 21“. Am Ende kam das gesunde Kind nach Australien, Gammy jedoch blieb bei der Leihmutter.

Soweit die Fakten. Als es öffentlich wurde ging eine unglaubliche Schlammschlacht los, da die Leihmutter die Australischen Eltern beschuldigte, Sie mit Gammy alleine zu lassen. Inzwischen ist klar, das da mehr hintersteckt. Die Saat jedoch war gesäht, und da die Situation genau in die Kerbe der derzeitigen Inklusions-Debatten in Europa hagelte eine unglaubliche Hasswelle auf die australischen Eltern nieder – selbst, als immer klarer wurde, dass die Leihmutter auch nicht gerade richtig gehandelt hat. Eine Mischung aus „Denk doch mal wer an unsere Kinder!“, „Das arme behinderte Kind!“ sowie blindem Aktivismus sorgt dafür, das die australischen Eltern seitdem unter heftigem Kreuzfeuer stehen. Unglücklicherweise ist der Vater vorbestraft – das hat zwar mit dem Thema Gammy nichts zu tun (und die Behörden haben da längst ihre Hände drauf), aber es eignet sich prima als Zielscheibe.

Ich plädiere seitdem dafür, das die Menschen, wenn sie Artikel darüber lesen, doch bitte einen kurzen Moment inne halten und genau darüber nachdenken: Wie ist die Situation genau, Was für Informationen habe ich und fehlen mir noch, kann ich ein Urteil fällen? Die Korrekte Antwort wäre Nein, denn die Informationen die wir durch die Medien über die Situation bekommen sind rar, und nicht selten bereits polarisierend geschrieben. Ich möchte nicht sagen das es falsch ist darüber zu reden, oder Hilfe für Gammy zu organisieren. Alles prima – aber bitte ohne sofort den Teufel an die Wand zu malen, und vorallem ohne mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, nur weil man 5 Minuten einen Artikel gelesen hat über etwas, was zehn- bis zwanzigtausend Kilometer weit weg passiert.

Nun ist das natürlich nicht alles. Da die Eltern sagten, Zitat: „Ich glaube nicht, dass irgendein Elternteil einen behinderten Sohn haben will. Eltern wollen, dass ihre Kinder gesund und glücklich sind.“, kam seitdem auch gehäuft das Thema der Abtreibung und Pränataldiagnostik auf. Ist es gerechtfertigt und ethisch vertretbar, ein Kind abzutreiben, weil es behindert ist?

Das ist, so wie jede Frage die sich um die Pränataldiagnostik dreht (die sich mit Diagnose, Heilung und Therapieformen des ungeborenen Fötus / Embryo beschäftigt), eine äußerst schwierige Frage. Umso wichtiger halte ich es, hier als Arzt und Zuschauer unbedingt objektiv zu bleiben. Wer emotional an solche Themen herangeht kann unmöglich noch das beste für Kind und Eltern wollen. Wer nun sagt „Halt stop, blinde Logik würde zu Designerbabys führen“, hat damit vermutlich recht. Es muss eine gute Mischung aus Verstand, Zuneigung und Akzeptanz vorherschen wenn man dieses Thema angeht (wie bei eigentlich jedem Thema, hier jedoch ganz besonders). „Die goldene Mitte finden“ könnte man sagen.

In meinen Augen ist es so, das es vertretbar ist einen Fötus abzutreiben wenn bei diesem eine Behinderung wie Trisomie21 vorliegt. Solange die Schwangerschaft noch in einer sehr frühen Phase ist halte ich eine Abtreibung im generellen nicht für schlimm. In der Zeit wo der Fötus kaum mehr ist als ein Haufen Zellen ist es zwar Schade und für die Eltern definitiv nicht einfach – aber es ist kein Mord oder ähnliches, da, in meinen Augen, kein menschliches Leben vorhanden ist. Wer in einem Zellhaufen einen Menschen findet tut dies, rein rechnerisch, auch in einer ausgewachsenen Banane.

53-jähriger Mann mit Down-Syndrom (Quelle: wikipedia)

53-jähriger Mann mit Down-Syndrom (Quelle: wikipedia, Fotograf Andreas Bohnenstengel)

Dementsprechend unsinnig ist es auch, bei diesem Thema mit „Dann wäre XY auch abgetrieben worden“ zu argumentieren. Ja, das kann gut sein – aber wenn dem so passiert wäre würde sich wiederrum niemand daran stören, und es wäre passiert bevor Person XY überhaupt als solche existiert hätte. Gut möglich das jetzt im Moment auch viele Menschen ohne Abtreibung leben würden – sie haben es jedoch niemals getan. Weder hatten diese Personen Schmerzen durch diesen Fakt (sie existierten nie), noch irgendwer anderes. Diese Sichtweise ist lediglich eine emotional beeinflusste Imagination, die von den Fakten ablenkt. Die einzige, die die Wahl haben sollte ein Kind auszutragen oder nicht ist die Mutter, und jene denen die Mutter ein Mitspracherecht eingesteht. Denn solange das Kind nicht ein eindeutiges und aktives Gehirn besitzt ist es genau so wertvoll wie jeder andere Teil des Körpers der Mutter, zu dem der Fötus in dem Stadium gehört – und nach unserem Rechtssystem darf jede Person selbst über ihren Körper entscheiden.

Ich halte es auch nicht für richtig, bei unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Maßstäbe anzusetzen. Fötus ist Fötus, und wenn dieser Fötus einen schweren Gendefekt aufweißt sollte es möglich sein abzutreiben, solange man diesen Defekt nicht reparieren kann. Auch wenn mir viele immer wieder an diesem Punkt versuchen zu unterstellen ich würde Personen diskriminieren: Ich sage nichts, wirklich nichts gegen Menschen die mit Trisomie21 leben! Ich wünsche allen ein erfülltes, glückliches Leben. Anders zu sein ist nichts schlechtes. Aber man darf nicht unterschlagen wenn etwas ganz offensichtlich ‚schlechter‘ ist. Es ist und bleibt ein Gendefekt, keine Genvariation. Deswegen sind aber nicht die Menschen schlechter die den Gendefekt tragen – lediglich der Zustand mit dem sie umgehen müssen ist schlechter (vorallem schwerer) als es normal ist. Oder anders ausgedrückt: Es wäre besser, wenn kein Mensch Trisomie21 haben müsste. Deswegen können diese Menschen aber trotzdem toll sein!

Hört also verflucht noch eins endlich auf zu behaupten ich wäre behindertenfeindlich und fangt an die Dinge zu betrachten wie sie sind. Ein Defekt bleibt ein Defekt, ein Mensch ein Mensch und eine Banane eine Banane.

 

 

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Posted under: Gesellschaft, Medizin

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2 comments

  • qwerodactyl (Jan) on 4. September 2014 at 15:44 said:

    Souw, hatte das Thema mit Trisomie21 und Abtreibung schon mal stark disskutiert, bin von der Meinung her genau gleich. Ein Zellhaufen ist eben wie du schon schriebst: „Denn solange das Kind nicht ein eindeutiges und aktives Gehirn besitzt ist es genau so wertvoll wie jeder andere Teil des Körpers der Mutter…“ für mich auch nur eben ein Teil des Körpers der Mutter.
    Zum Artikel an sich: Gefällt mir sehr gut vom Stil, hab keine Fehler gefunden und auch gut strukturiert und schien auch gut recherchiert gewesen zu sein.

  • Frozen on 31. August 2014 at 01:40 said:

    Guter Beitrag. Die Punkte sind gut nachvollziehbar und vertreten unter anderem auch größtenteils meine Meinung.

    Ich habe zwar nicht viel von den Diskussionen mitbekommen, oder von dem Fall von Gammy, aber das wird auch nicht vorrausgesetzt. Viel mehr kann ich dazu letztlich auch nicht sagen, da ich mir über das Thema noch nie wirklich ernsthaft Gedanken darüber gemacht habe.

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