Wie es sich anfühlt, Trans* zu sein

Ich bin erst kürzlich über die Thematik bzgl. Unterschiede von ‚Transsexuell‘ und ‚Transgender‘ gestolpert. Da ich mich da erst hineinlesen muss habe ich vorerst den Begriff „Transgender“ aus diesem Artikel gestrichen. Sollte deswegen (oder aus anderen Gründen) etwas unverständlich oder anstoßend sein schreibt mir bitte eine kurze Mail. (24.04.16)

Eine der häufigsten Fragen die mir gestellt wird in Bezug auf meine Transsexualität ist wohl mit Abstand „Und was bedeutet das nun?“. An dieser Stelle eine kleine Erklärung.

„Klein“ ist leider eher relativ – das Thema ist viel zu umfangreich um es kurz abzuhandeln. Darum das offensichtliche zuerst: Transsexuell / Trans zu sein bedeutet, sich seelisch nicht mit seinem körperlichen Geschlecht identifizieren zu können. Wieso und woher, da gibt es innerhalb der Community vermutlich ebensoviele Ansichten wie Betroffene Personen. Für mich persönlich ist die plausibelste Erklärung, dass das Geschlecht des Gehirns (Denn auch die Unterscheiden sich bei Männern und Frauen) nicht zum Rest des Körpers passt. Eine bisher durchgeführte kleine Studie gibt Anlass zur Vermutung das die gesamte Thematik daher herrührt.

pride-828056_1280Woher es jedoch auch kommen mag – Fakt ist, das es sich nicht ändern lässt – das wurde in den vergangenen Jahrzehnten bereits hingebungsvoll versucht. Leider gibt es auch heute noch Menschen die, leider zumeist religiös motiviert, denken man könne es wegtherapieren und damit Menschen in den Suizid treiben.

Nun könnte man meinen das die Sache damit klar wäre – immerhin gibt es zwei wunderbar einfache Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft, und wer wie A aussieht, aber eigentlich B ist, den muss man optisch auch zu B machen. Leider (oder zum Glück? Diversität ist immerhin etwas wundervoll schönes!) ist es nicht so einfach. Am besten ist das wohl mit einem kleinen Selbstversuch darzustellen von dem ich selbst in einer SHG gehört habe:

  • Versuche, jemandem dein Geschlecht zu beschreiben, ohne dich dabei auf deinen Körper zu beziehen.

Versucht das einmal.

Uns werden von Geburt an diese beiden Rollen vorgelebt – das männliche und weibliche Ideal. Für gewöhnlich hinterfragt man das kaum, und selbst wenn braucht man seine eigene Position dabei nicht zu verlassen. Wer „Mann“ oder „Frau“ ist und sich als solches wohl fühlt hat darin einen starken Anker zu wissen wer man ist und wo man steht.

Transgender-Symbol-180x180Stellt man nun fest das man Trans* ist hat man zum einen meistens bereits Jahre, wenn nicht Jahrzehnte seelischen Leides hinter sich, ohne zu wissen woher dieses Leid stammte. Selbst die stärkste Person würde in dem Moment den sicheren Halt verlieren, immerhin tut sich unter einem ein Loch auf – eine der Dinge die so sicher und unabänderlich waren wie Tag und Nacht ist auf einmal falsch. Und wenn einem dann bewusst wird das man von der Gesellschaft weder Verständnis oder gar Rückhalt zu erwarten hat gibt dies vielen den Rest. Nicht umsonst liegt die Rate von versuchtem Suizid bei Transsexuellen bei 42% – das ist mehr als doppelt so hoch wie bei Homosexuellen Menschen (20%) und mehr als das zehnfache der Allgemeinbevölkerung (4%).

Diese Daten stammen zwar aus den USA (The Williams Institute), doch lassen sie sich ohne weiteres auch auf Europa anwenden. Auch hier bringen sich regelmäßig Transsexuelle um, weil sie ihr inneres Leid und den Dauerbeschuss von außen nicht mehr aushielten. Und so offen unsere Gesellschaft in den Städten – unter vorbehalten – auch seie, es vergeht kein Tag in dem nicht Transsexuelle gemobbt und attackiert werden und wieder irgendeine Person des öffentlichen Lebens uns als Krank, Verrückt, eine Gefahr für die Menschheit und vorallem für Kinder oder der Quell allem Bösens beschreibt – oder direkt davon spricht das wir weggesperrt gehören und/oder eine Kugel in den Kopf verdienten.

Zu alledem kommt noch der physiologische Aspekt – oder wie ich gerne sage (im Falle von Mann-zu-Frau Transsexuellen) „Ein weibliches Gehirn ist nicht dafür gemacht mit Testosteron überflutet zu werden.“. Es ist unglaublich schwer zu vermitteln was für ein Horror die Pubertät sein kann wenn man Trans ist, unabhängig davon ob man es schon weiß oder nicht. Man ist unglücklich, von innen heraus – ohne einen genauen Plan wieso oder warum. Der Spiegel in den Blick oder gar am Körper hinab ist ein Horror. Stellt euch vor ihr wacht morgens auf und euch sind große Tumore am Körper gewachsen die ihr nicht verstecken könnt und wegen jenen ihr verspottet und von allen angestarrt werdet. So in etwa kann es sich anfühlen.

shana2Vielleicht konnte ich euch eine ungefähre Vorstellung davon geben wie belastend es sein kann, in unserer Gesellschaft Trans* zu sein. Natürlich decke ich damit weder die gesamte Lebensrealität ab, noch spreche ich für alle – darum war der Text stellenweise auch eher allgemein gehalten.

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Posted under: Allgemein, Gesellschaft, Leben, Medizin, Transsexualität

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3 comments

  • irrelevant on 11. Oktober 2015 at 12:43 said:

    Für mich wäre es schon eine Erleichterung, wenn ich mich selbst als weiblich oder männlich identifizieren könnte. Man liest ja oft „Mann“ fühlt sich als „Frau“ bzw im „falschen Körper“. Aber wie ist es, wenn man kaum etwas fühlt, oder Gefühle möglicherweise unbewusst unterdrückt? Bei mir ist es jedenfalls so, dass ich schon ewig den Wunsch bzw. Traum habe, als Frau zu leben oder geboren zu sein. Je nach Gefühlslage stark bis kaum merkbar.
    Diese schwankende innere Unruhe, zusammen mit der Ungewissheit, ob man sich innerlich eher weiblich oder männlich fühlt, hindert mich daran, irgendwelche weiteren Schritte einzuleiten.
    Gefühle habe ich sowieso immer weniger, es wird auch immer seltener, dass ich etwas wie Glücklichkeit in irgendeiner Form verspüre, lebe schon seit kleines Kind ohne viel Kontakt, mit kaum Freunden und erst recht keinen guten Freunden. Es gibt also auch niemandem, dem ich das alles anvertrauen könnte.
    Es ist auch nicht wirklich hilfreich, dass mich Gedanken an Transsexualität oft erregen, dann kann das ganze auch Autogynophilie (egal was man davon hält) oder ein Fetisch sein, meinen jetzigen Körper hasse ich auch nicht, sehe einen weiblichen Körper aber unterbewusst in irgendeiner Weise erstrebenswert an.

    Darf ich vielleicht fragen, woran du am stärksten gemerkt hast, dass du trans* bist? Falls sich das überhaupt beantworten lässt.

    • Sereiya on 11. Oktober 2015 at 16:48 said:

      Bevor körperliche / irreversible Schritte eingeleitet werden wärest du so oder so noch für mindestens 6 bis 12 Monate in psychotherapeutischer Betreuung um eben genau solche Fragen zu klären die du beschrieben hast. Ich denke es würde dir am ehesten helfen wenn du dir professionelle Hilfe suchst und mit dieser dann all‘ das durchkaust. Adressen bekannter Spezialisten kannst du auf trans-eltern.de unter „Wichtig –> Adressen & Ansprechpartner –> Psychologen, Psychiater & Gutachter“ finden.

      Woran ich am stärksten gemerkt habe… Es war bei mir eher ein Moment in dem ich es begriffen habe. „Symptome“ hatte ich bereits seit ich klein war (Das Gefühl ‚vertauscht‘ geworden zu sein als ich unter der Dusche mich ansah, Angst vor Vermännlichung vor der Pubertät). Begriffen hatte ich es dann erst mit 15 während einer Klassenfahrt, bei der ich mich mit einer mir bekannten TransFrau treffen wollte. Da merkte ich das es eben genau das ist was mich seit jeher, aber vorallem seit der Pubertät so wahnsinnig innerlich belastete. Konkreter lässt sich das kaum erklären, es war und ist ein sehr diffuses Gefühl. Ich habe einfach eine innere Gewissheit als Mann unfassbar unglücklich zu sein und nun auch die Erfahrung gemacht, was für einen emotionalen Unterschied hin zum positiven es macht wenn mein Körper Östrogene hat.

      Tut mir Leid das ich es nicht mehr konkretisieren kann. Wenn du noch mehr fragen hast kannst du die gerne loswerden, auch direkt an meine eMail (Siehe rechts). 🙂

  • Laria on 1. Oktober 2015 at 00:23 said:

    Ist echt schwierig, da eine allgemeine Antwort zu finden, da dass ja jede_r etwas anders empfindet. Bei mir war die Pubertät bis kurz vor dem Ende eigentlich relativ harmlos (wobei ich auch das Glück hatte, dass ich bei einigen Sachen halbwegs verschont geblieben bin). Dann kam der Bartwuchs… Was hat das Zeugs in meinem Gesicht verloren?

    Was zumindest für mich noch recht wichtig ist: Für Cis-Personen besteht keine Notwendigkeit sich mit ihrem Geschlecht zu outen, für Trans*-Personen ist es dagegen unabdingbar, wenn mensch so leben will, wie mensch sich fühlt, zumindest wenn das Passing eher nicht so toll ist, oder die Personen, gegenüber denen mensch sich outet einen noch im falschem Geschlecht kennen. Da entsteht ein ziemlicher Druck, zumindest geht es mir so, da ich eigentlich nicht etwas so intimes preisgeben möchte, aber früher oder später keine andere Wahl habe… Ist natürlich nur meine Perspektive, kp wie es anderen da geht.

    In Situationen, wo ich nur Leuten begegne, die ich ohnehin nie wieder sehen werde, belastet mich das Thema zum Glück recht wenig, da ich mir zumindest für solche Situationen mittlerweile eine „scheißegal-haltung“ antrainiert habe, hat aber auch lange genug gedauert ^^.

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