Antidepressive Erfahrungen

Wenn es um Antidepressiva geht spuken in den Köpfen vieler immernoch endlos viele Vorurteile.

Dieser Artikel spiegelt lediglich meine Erfahrungen, Eindrücke und Gedanken wider und soll nicht als Leitfaden verstanden werden. Solltest du unter Depressionen leiden und kurzfristig Hilfe benötigen, zögere bitte nicht die unten angegebenen Nummern oder 112 zu wählen.

Manche dieser Vorurteile sind oder waren begründet, manche entstanden schlichtweg aus Unwissenheit über diese Art von Medikamenten. Ich selbst war früher diesen Medikamenten ausgesprochen abgeneigt und habe sie erst akzeptiert als ich vollkommen ausgebrannt war. Hinzu kam mein Umfeld, welches mit viel Unverständnis reagierte, was natürlich zusätzlich belastend ist. Durch Sätze wie „Lächel doch mal mehr!„, „Diese Pillen machen dich dumm.„, „Was du brauchst sind keine Tabletten, sondern…“ ist niemandem geholfen, und doch müssen viele depressive Menschen sich sowas in aller Regelmäßigkeit anhören. Um also ein Verständnis für Antidepressiva zu entwickeln muss man zuallererst die Depression verstehen.

Antidepressive Mythen

brain-954816_1280

Bei einer Depression handelt es sich, einfach ausgedrückt, um ein chemisches Ungleichgewicht im Gehirn, welches durch innere oder äußere Einflüsse erzeugt wurde. Beispielsweise ein Trauma (Tod nahestehender Menschen, Gewalterfahrungen jedweder Art, etc.), eine längere körperliche Krankheitsphase, andauernder Stress oder auch lange währender, als eintönig empfundener Alltag können Depressionen auslösen oder begünstigen. Wer eine Depression wie wahrnimmt ist individuell, klar ist jedoch das sie nichts dafür können – und meistens ohne professionelle Hilfe auch nichts dagegen.

Für manche Außenstehende ist dieser Zustand nicht begreiflich. Jeder kennt gelegentliche Stimmungstiefs, das Gefühl etwas einfach nicht zu packen oder große Trauer über irgendetwas. Das dies jedoch zu einem Dauerzustand werden kann ist für Personen deren Psyche nie Probleme machte oft nicht fassbar. Die darauf folgenden „guten Ratschläge“ machen es für den/die Betroffene/n oft noch schlimmer. Wer depressiv ist hadert i.d.R. selbst damit, einfach nicht mehr richtig glücklich sein zu können.

Hier setzen Antidepressiva an. Sie greifen in die Chemie von Botenstoffen wie Serotonin, Noradrenalin und Dopamin im Gehirn ein, damit sich wieder ein Gleichgewicht herstellen kann. Anders als manche Drogen machen sie i.d.R. aber nicht von sich aus glücklich – sie sorgen lediglich dafür, das man nicht ununterbrochen krankhaft unglücklich ist und sich so besser selbst helfen kann.

Ein weiterer Mythos ist es, das Antidepressiva abhängig machen würden. Kein einziges in Deutschland zugelassenes Antidepressivum tut dies, unabhängig davon wie lange man es nimmt. Wie bei jedem anderen Medikament stellt sich der Körper jedoch auf den Wirkstoff ein – und fängt an Alarm zu schlagen wenn dieser plötzlich fehlt. Darum muss man es immer ausschleichen.

heart-48522_1280Was in der Tat abhängig macht sind sogenannte Benzodiazepine wie Diazepam (Valium) oder Lorazepam (Tavor). Darum werden diese Präparate nicht als Dauermedikation verwendet, sondern lediglich als Krisenintervention oder bspw. zur Vorbereitung auf eine OP („Alles-Scheiß-egal Pille“).

Einen Mythos jedoch kann ich nicht hundertprozentig abstreiten: Das Antidepressiva den Charakter verändern würden. Oft wird durch Psychiater angeführt das Antidepressiva lediglich den „Ursprungszustand“ wie vor der Depression herstellen würden. Wirklich unterstützen kann ich die Aussage nicht – je nach Präparat und Wirkweise wird man immer leicht in andere Richtungen geschoben. Der Hintergedanke dabei ist das eine bspw. „eigentlich ruhige Person“, die durch die Depression unter Unruhe leidet mit einem sedierenden Antidepressivum wieder Ruhe erfährt. Allerdings schränkt ein solches Medikament ab einer gewissen Dosis gleichzeitig auch Intellektuell mehr oder weniger ein. Somit ist es quasi ausgeschlossen während der Einnahme wieder genau der Mensch wie vorher zu werden. Die Frage ist allerdings auch ob man das denn wirklich wolle, denn höchstwahrscheinlich gab es zuvor ungelöste Probleme die zu stark belastet haben und zu ebenjener Depression führten.

Im Großen und Ganzen muss man mit Veränderung rechnen – und vorallem muss man sie akzeptieren. Wer sich nicht verändern will weil er Angst hat „nicht mehr der/die Alte zu sein“ oder nicht mehr den Ansprüchen anderer zu genügen sollte einmal tief in sich gehen und sich fragen „Wer bin ich?“. Wer sich krampfhaft an sein früheres Selbstbildnis mit allem äußeren drumherum klammert blockiert möglicherweise eine notwendige Entwicklung für sich selbst.

Am Ende lässt sich zu diesem Mythos immerhin eines sagen: Antidepressiva ändern nie etwas dauerhaft, wenn du das nicht willst (Von den sehr selten verwendenten irreversiblen MAO-Hemmern* mal abgesehen). Nichts hält dich davon ab es zumindestens auszuprobieren und danach mit einer Erfahrung mehr sagen zu können „Das ist nichts für mich“.

*MAO-Hemmer: Die sogenannten Monoaminoxidase-Hemmer gehören zu den ältesten Antidepressiva. Da sie i.d.R. viele Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten haben (u.a. quasi allen anderen Antidepressiva) werden sie nur selten verwendet, beispielsweise bei schwerer therapieresistenter Depression.

Seite 1: Antidepressive Mythen

Seite 2: Erfahrungswerte

Seite 3: Schlusswort

RSS
Follow by Email
Facebook
Facebook
Google+
http://sereiya.net/blog/?p=670

Posted under: Medizin

Tagged as: , , , , , , , , , , , , ,

One comment

  • jatenk on 20. August 2016 at 15:24 said:

    Kleine Erweiterung meinerseits:

    Cipralex hat bei mir beim Sex brutale Kopfschmerzen verursacht. So schlimm, dass ich kaum noch gehen konnte. 15 mg hatte ich genommen und es dann abgesetzt.

    Escitalopram hat auch bei mir eine Stimmungserhöhung verursacht – aber sie fühlte sich einfach nicht echt an. Also habe ich auch das abgesetzt.

    Momentan bin ich auf:
    Abilify. Das ist kein Antidepressivum, sondern ein atypisches Neuroleptikum. Es wird gegen die manischen Phasen von bipolaren Störungen verschrieben, die ich nicht habe, doch allgemein hilft es dabei, die Gedanken zu beruhigen. Und das schafft es großartig. 15 mg ist zu viel, aber mit 10 mg täglich bin ich sehr zufrieden. Zuvor bin ich durch meinen Todesschwall an Gedanken täglich abgestürzt, jetzt noch eher so alle 1-2 Wochen, je nach Auslastung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.