Identität, Transsexualität, Respekt, Sereiya

Ein wenig was über mich…

Triggerwarnungen: Misgendering, Victim Blaiming, Suizid

Erst letztens geriet ich in die Lage Familienmitgliedern erklären zu müssen, wieso ich gleich zwei Geburtstagseinladungen absagen musste. Ansich ja kein Weltuntergang, wäre da nicht der Grund. Ich ertrug es schlichtweg nicht mehr, das sie es nicht schaffen mich als Frau, als Luna anzusprechen.

Ch0dJZlUkAAacHS.jpg largeIch habe mich im selben Monat wie ich 16 wurde geoutet, also vor mehr als 7½ Jahren. Zu dem Zeitpunkt war ich noch extrem unsicher, hatte fürchterliche Angst wie meine Familie reagieren würde. Noch mehr Angst hatte ich davor, von ihnen zu verlangen umzulernen, das ich eine Frau bin und die Wahrnehmung all‘ der Jahre davor falsch war. Diese Angst habe ich selbst heute noch, 2 Jahre nachdem es höchstrichterlich längst anerkannt ist das zu meiner Geburt mir das falsche Geschlecht zugewiesen wurde, sowie 4½ Jahre nach Beginn der Hormonbehandlung. Leider war ich diesbezüglich nie egozentrisch genug – Emotionen zu unterdrücken ist nuneinmal einfacher als offene zwischenmenschliche Probleme zu lösen.

Nun jedoch, mit bald Ende 23, fordere ich das für mich ein. Und krepiere scheinbar wie so viele vor mir doch am zementierten Welt- und Menschenbild cis-1 und heteronormativer2 Personen. Ursprünglich war meine Hoffnung, diesen Zwiespalt zu umgehen indem ich meiner Verwandschaft Zeit gebe (im Endeffekt immer mehr davon), damit sie ihr Bild von mir und vom Thema als solches anpassen können. Zugegebenermaßen war das auch eine prima (und fürchterlich naive) Methode mit der Angst vor Konfrontationen umzugehen. Einfach mit einer möglichst intellektuell klingenden Begründung auf die immens lange Bank schieben.

Ging natürlich vollkommen schief.

Erstes Telefongespräch, Verwandter A. Ich erkläre das ich nicht zum Geburtstag kommen kann, fühle mich nicht gut genug. Auf die Frage „Wieso?“ antworte ich wahrheitsgemäß, das ich es nach 7½ Jahren nicht mehr ertrage immer wieder als Mann wahrgenommen und angesprochen zu werden. Anspannung baut sich ab, weine natürlich drauflos. Was folgte war eine Diskussion darum, woran es liegt. Meinung von Verwandtem A: Ich müsse mich häufiger sehen lassen damit sich das „neue Bild“ einprägen kann. Und wenn ich da bin sollte ich dann auch „einfach weiblicher“ sein. Bei letzterem hackte ich nach, fragte ob ich mich nun für Mode und Kochen interessieren solle und einen riesigen Ausschnitt zur Schau tragen muss. Erwartungsgemäß wurde dies verneint und unklar erneut mit „einfach weiblicher“ beantwortet. Man ist schließlich nicht sexistisch, das gehört sich nicht. Aber ich solle doch bitte dafür sorgen das ihr altes, falsches Bild durch ein neues, gesellschaftskonformes Bild einer jungen Frau überlagert wird. Wie dieses neue Bild definiert wird? Keine Ahnung. Aber zumindestens hat jemand anderes die Verantwortung.

Das zweite Gespräch verlief vergleichsweise einfach, einfach weils mein Vater war. Alles in Ordnung, wenn nicht geht gehts halt nicht. Verständnis für den Grund. Puh. Ohne zweifelsfreie Rückendeckung von ihm würde ich mit der gesamten Verwandschaft vermutlich kurzen Prozess machen.

Drittes Gespräch, Verwandter C. Hier gehts komplett in die Hose (Pun intended). Kein wirkliches Verständnis für den Grund. „Du wirst dein ganzes Leben lang als Mann behandelt werden! Du hast dich für diesen Weg entschieden.“ Jautsch, das hat gesessen. Die zu erwartenden Magenkrämpfe inklusive Übelkeit am Abend ließen nicht lange auf sich warten.

Wenns nach meiner Verwandschaft ginge sollte ich also „einfach weiblicher“ sein. Was das genau ist weiß man zwar nicht (man ist schließlich kein Sexist mit Vorurteilen oder so), aber ich solle einfach mehr davon sein. Für das Bild was andere von mir im Kopf haben bin ich ebenfalls verantwortlich. Und ich solle doch bitte auch tolerant sein, immerhin fordere ich das auch ein. In gewisserweise soll ich also Respekt für ihre Respektlosigkeit haben, mich konsequent als etwas zu bezeichnen was ich nicht bin und mich damit zu verletzen. Und mehr Zeit brauchen sie auch! Schließlich hätten sie mich immer unterstützt!!!!11!1elf

Ja ne, is klar.

*Hier sollte ein Bild zu sehen sein*

(Quelle: mut23.de)

Was einen Menschen ausmacht

Das Problem ist, das hier zwei Realitäten aufeinanderprallen. Realität A ist jene, die gesellschaftlich unterstützt und vorrangetrieben wird. Das es genau zwei Geschlechter gibt und je geschlecht nur eine Art des „Richtig-seins“. Dies beinhaltet u.a. den Dress-code sowie den Habitus3, also das allgemeine Verhalten, Auftreten, die Vorlieben und so weiter. Außerdem sind die Geschlechter in dieser Realität für gewöhnlich von Geburt an anhand des primären Geschlechtsteils festgelegt und unabänderlich. Die Auswüchse dieser als Realität wahrgenommenen Doktrin sieht man in den Zwangsoperationen von Intersexuellen Kindern.

Auf der anderen Seite ist dort meine Realität, in der ich als transsexuelle Frau stecke. Da ich mitten in der Transition4 stecke wird mein Geschlecht meistens von jeder Person anders einsortiert – oder ich werde einfach wie versteinert angestarrt (Bluescreen im Kopf?). Mein Habitus ist, attestierterweise von 5 Doktoren so wie mir selbst, „eindeutig weiblich“. Das steht im krassen Kontrast zu meinem ganz eigenen Dress-Code und meinen Hobbys, da diese von den meisten als „männlich“ betrachtet werden. Oder halt als „einfach traurig“, wie Verwandter D es mal sagte. (Fuck that, gothic is awesome!). Kurz gesagt, ich gebe auf Realität A einen Scheißdreck, passe so recht in keine Schublade.

tux-161365_1280Und genau da liegt in meinen Augen das Problem. Jeder Mensch versucht, das was er erlebt in die eigene Wahrnehmung der Realität einzubauen. Hier werden Dinge die nicht passen unterbewusst passend gemacht, da dies einfacher ist als seine komplette Weltsicht zu hinterfragen. Transsexualität passt nicht in die Realität vieler Menschen, also klebt man einfach einen imaginären Notizzettel an das gefühlte Bild einer Person „Würde gerne mit XY angesprochen werden“, statt das komplette Bild einer Person zu hinterfragen. Das führt zwangsläufig dazu das man in konzentrierten Gesprächen zwar dran denkt, im Eifer des Gefechts jedoch wieder ins alte Muster zurückfällt und dies im schlimmsten Fall nichteinmal bemerkt (Die entsprechende Person hört es allerdings definitiv).

Es gibt einige Dinge die sind wichtiger, andere weniger wichtige. Das Geschlecht eines Menschen zählt jedoch allermeistens zu den wichtigen. Dieses zu ignorieren und konsequent ein falsches benutzen ist nicht nur respektlos, sondern verletzt immens. Umso mehr, wenn ein Mensch mit eben diesem Punkt von sich selbst seit er/sie/es denken kann im Zwiespalt liegt, wie es bei Transsexuellen der Fall ist. Wer hier konsequent den Finger in die Wunde drückt macht keinen „kleinen Fehler“. Wer das macht löst eine ganze Kette innerer Schmerzen aus, da das Thema für die meisten einen solchen Rattenschwanz hat. Wer das für übertrieben hält, der seie an die Suizidraten bei Transsexuellen von 40-50% erinnert (Zahlen aus den USA, die ohne weiteres auch auf Europa anwendbar sind). Die kommen nicht von irgendwo her.

 

shana2Auch ich stand mehrfach kurz vor einem Suizidversuch. Am Ende landeten die Tabletten im Müll, ich verließ die Gleise doch wieder, und das Messer wanderte zurück in die Küche. Häufig jedoch wünschte ich mir ich hätte es drauf ankommen lassen – nicht weil ich mir heute noch wünsche tot zu sein, sondern weil ich das gestörte Bild anderer von mir erschüttert sehen möchte, endlich gesehen werden möchte als die die ich bin, nicht als das was andere in mir sehen oder irgendwann mal gesehen haben. Weil Bekanntschaften mit Menschen nur dann einen Wert haben, wenn sie von beiden Seiten als etwas schönes wahrgenommen werden.

Immer wieder verletzt zu werden ist nichts schönes. Mit dem Gefühl des Verletztseins bei manchen auf Unverständnis zu stoßen ist nichts schönes. Und wer auch immer behauptet, ich oder Transsexuelle im allgemeinen sollten sich „nicht so anstellen“ oder „mehr Rücksicht auf andere nehmen“, dem seien folgende Worte ans Herz gelegt:

Fahr zur Hölle.

Für alle anderen gibt es dieses schöne bunte Einhorn. 😉

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Worterklärungen:

  • 1: cis(-gender): Gegenteil von trans, also Menschen bei denen Körper und Psyche von Geburt an harmonieren.
  • 2: Heteronormativ: Menschen mit heterosexuellem- und streng zweigeschlechtlichem Weltbild.
  • 3: Habitus: Auftreten oder die Umgangsformen einer Person, die Gesamtheit ihrer Vorlieben und Gewohnheiten oder die Art ihres Sozialverhaltens.
  • 4: Transition: Die (zumeist körperliche) Entwicklung von einem biologischen Geschlechtszustand zu einem anderen, als stimmig empfundenen.

 

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Posted under: Gesellschaft, Leben, Transsexualität

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2 comments

  • Mellando on 29. August 2016 at 17:33 said:

    ich muss (leider) sagen das ich deinen Verwandten A zum teil verstehen kann. Wenn du deinen Verwandten durch deine Anwesenheit die Möglichkeit gibst dich als Frau zu erleben (was auch immer das genau bedeutet) könnte es ihnen das umdenken leichter Fallen, Zeit hast du ihnen mit fast 8 Jahren mehr als genug gegeben. Ich sehe es auch ähnlich wie du das Transpersonen ab einem gewissen Punkt keine Rücksicht mehr auf das Befinden Andere nehmen müssen wenn es um das eigene Geschlecht geht. Wo ich mir Nachsicht von Transpersonen erhoffe, bzw. hoffe das besagte Person nicht gleich zur Hasserfüllten Furie wird, ist es wenn ich aus versehen das falsche Personalpronomen verwende, vor allem wenn ich mich direkt selbst korrigiere oder dies aus Unwissenheit geschehen ist.

  • jatenk on 20. August 2016 at 15:26 said:

    Scheiß auf andere Menschen. Srsly. Selbst wenn es Familie ist – wer dich nicht akzeptiert so wie du bist, hat dich nicht verdient. Du wirst zwar etwas einsamer sein, aber die Freunde sind dann echte und viel wichtiger – und „echter“.
    Das einzige Problem ist, wenn du finanziell abhängig bist. Dann musst du es wohl oder übel aushalten…
    Viel Glück.

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